VOHENSTRAUSS. Die nörd-liche Oberpfalz ist nicht gerade bekannt als 'Tango-Hochburg'. Umso erfreulicher sind die Akti-vitäten der Evangelischen Jugend Vohenstrauß, die nun schon zum zweiten Mal das 'Oberpfälzer Tangofes-tival' vom 31. Mai bis zum 1. Juni veranstaltet hat.
Von unserer Mitarbeiterin Gabriele Glaubitz
Der Tango Argentino, der sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Formen von Buenos Aires und Montevideo aus in der gesamten Welt verbreitet hat, ist eine Musik mit besonderer Geschichte und Tiefe. Besonders die Zeit zwischen 1935 und 1955 gilt als das 'Goldene Zeitalter des Tango'. Getanzt wurde er anfangs vor allem von einfachen, armen Leuten in den Hafenvierteln, in einem Milieu aus Kleinkriminalität, Prostitution und Arbeitslosigkeit, als Ausdruck von Not und Einsamkeit. Eine schöne Beschreibung dieser intensiv-gefühlvollen und spannungsreichen Musik ist: 'Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann' (Enrique Santos Dicépolo).
Einer der bekanntesten Komponisten des Tango ist Astor Piazzolla (1921 - 1992), dessen Kompositionen am Samstag in Vohenstrauß durch das Quintett 'fracanapa' präsentiert wurde. Piazzolla gilt auch als Gründer des 'Tango Nuevo'.
“fracanapa - New Tango Quintet“ – das sind Matias Gonzalez (Bandoneon), Pablo Woizinski (Klavier), Susanne Hofmann (Violine), Cesar Nigro (Gitarre) und Albert Sommer (Kontrabass). Fünf sehr virtuose, best ausgebildete Musiker, die den 'traurigen Gedanken' mit Leidenschaft im wunderschönen Saal des Vohenstraußer Rathauses zelebrierten. Die Instrumente des Quintetts entsprechen der Originalbesetzung eines 'Orquesta Típica ', dessen Zentrum das Bandoneon darstellt.
 alle Fotos: Gabriele Glaubitz |
Der Abend begann, passend zum sommerlichen Wetter, mit dem Stück 'Verano Porteno', das den Sommer in Buenos Aires ausdrücken soll. Schon die ersten Töne dieser eindringlichen Musik gingen mir als leidenschaftlicher Tangotänzerin ins Blut, ein Zauber erfüllte den Rathaussaal. 'Soledad', der nachfolgende Titel ging mir noch mehr zu Herzen, man spürte direkt die Einsamkeit, die das Bandoneon mit seinem wehmütigen Klang noch unterstrich. Ein Gefühl, wie wenn man durch milchige Fenster auf eine neblige, einsame Straße blickt. Ich gab mich diesem Gefühl hin, und auch meine Sitznachbarn waren ergriffen von den hervorragend vorgetragenen Musikstücken. Nach der Pause begannen fracanapa, im Anschluss an den 'Sommer' im ersten Teil, mit dem Herbst und Winter in Buenos Aires: Otono und Invierno Porteno. Manchen Anwesenden dürfte sicher das Stück 'Adios Nonino' bekannt vorgekommen sein, das Astor Piazzolla als Requiem für seinem verstorbenen Vater komponiert hat und das bei der Trauung von Kronprinz Willem Alexander der Niederlande mit seiner Frau Maxima in der Trauungsmesse gespielt wurde.
Doch wie kommt nun Tango Argentino ausgerechnet nach Vohenstrauß, und das schon zum zweiten Mal? Es liegt vor allem am Kontakt zu Susanne Hoffmann, der Violinistin, und zu ihrem Onkel Albert Sommer (Kontrabass). Hoffmann ist in Vohenstrauß geboren und aufgewachsen, bevor sie ihre Musikstudien nach Budapest, Magdeburg und Hannover verschlugen. Auf verschiedenen Konzertreisen, unter anderem nach Japan, in die Schweiz, nach Großbritannien und Spanien, hat sie bereits ihr Talent unter Beweis gestellt. Ihr Onkel Albert Sommer, ebenfalls aus Vohenstrauß, wirkte unter anderem bei der Jungen Deutschen Philharmonie und dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (R. Kubelik, Sir Colin Davis, L. Bernstein) und beim Orchester der Bayreuther Festspiele (D. Barenboim, J. Levine) mit. Pablo Woizinski (Klavier) und Cesar Nigro (Gitarre) studierten an der Hochschule ,Juan Jose Castro' (Buenos Aires), Matias Gonzalez studierte Bandoneon bei Maestro Marcos Madrigal, Daniel Binelli, Juan José Mosalini und Néstor Marconi und ist Preisträger verschiedener Wettbewerbe.
Während des Konzerts fiel mein Blick immer wieder auf den wunderschönen, massiven Parkettboden des Vohenstraußer Rathaussaales, der wie geschaffen schien, um darauf nach dem Konzert Tango Argentino zu tanzen. Wer weiß, vielleicht beim nächsten 'Oberpfälzer Tangofestival'? Nach mehreren Zugaben, sehr viel Applaus und Rosen für die Künstler endete ein wirklich großartiges Konzerterlebnis.