 Fotos: Sammelalbum Kosmos Zigarettenbilder |
OBERPFALZ. Glaubte man den Prognosen der Sportfreunde, so feiert die Nationelf in diesem Jahr ihren vierten Weltmeistertitel. Und der Rest der Nation mit ihnen. Leider hat uns ein visionärer Kopffüßler namens Paul einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Die Prognose des wohl aktuell bei deutschen Fans meistgehassten Kraken der Welt ist leider wahr geworden. Nun steht die Nation irgendwo zwischen Paella, Sekt oder auch nur Selters. Als unverbesserlicher Optimist und echter Fußballfan sollte man sich trotzdem die Freude am Mega-Event am Kap von Afrika keinesfalls vermiesen lassen.
Wie hätte Deutschland gefeiert, wenn wir Weltmeister geworden wären? Überlegungen von unserer Mitarbeiterin Barbara Magerl-Huber.
Wie waren die deutschen Titelgewinne eigentlich früher? Drehen wir die Uhr zurück in die gute alte Zeit, als die Burschen schneidig waren und die Dirndl sittsam und die Honoratioren...stopp, zu weit gedreht. Zappen wir vom gemütlichen Geißbach nach Bern. Gab es 1954 eigentlich schon Fernsehen? Ich kann hier, da selbst noch nicht existent, lediglich auf Zeitzeugen zurückgreifen. Die wenigen stolzen Besitzer eines Gerätes hatten plötzlich erstaunlich viele Freunde. Damals hat man die WM wirklich noch im eigenen Wohnzimmer geschaut oder zumindest mit Freunden, Nachbarn (die man damals sogar persönlich kannte) oder Verwandten, die noch keinen Fernseher hatten. Und dann als Vorläufer der späteren Panini-Bildchen die fleißig 'errauchten' Kosmos Zigarettenbilder ins Sammelalbum geklebt. Die ersten „Public Viewer“ im Klappstuhl vor den Schaufenstern der Elektrogeschäfte verdienen die besondere Erwähnung als Trendsetter.
1974 war ich auch noch nicht in Planung, also wieder einmal in die Recherchekiste gegriffen. Farbfernsehen gab es dann doch schon, und wer stolzer Besitzer eines Gerätes war durfte sich am leuchtenden Orange des Finalgegners und auch an dessen Tränen laben.
1990 war ich dann schon hautnah mit dabei: „un estate italiana“ singend und gerührt und bewegt, als der Kaiser nach Abpfiff des gewonnenen Finales einsam und verlassen seine Runde im Stadio Olimpico in Rom drehte. Damals hockten wir alle gemeinsam vor der ach so alten Bildröhre und es war wohl die Urfassung des neumodischen Public Viewings. Auf jeden Fall ist es eine wunderbare Flat-Screen-incompatible Kindheitserinnerung.
Aber wie wäre es dann bloß in diesem Jahr geworden, hätte die Deutsche Nationalmannschaft das Unglaubliche geschafft? Wie hätten wir gefeiert? Die Verabredung per SMS zum Public Viewing ist doch fast schon wieder altmodisch. Hätten wir die Zwischenstände getwittert (rettet den deutsch!) und hätten wir auf Facebook Freunde gesucht, die mit uns…Daumen drücken. Hier zeigt sich das Paradoxon „Social Media“ – die Vereinsamung durch Freunde im Netz – war da das gemeinsame schwarz-weiße Glotzen wirklich schlechter? Wie werden wir in 4 oder 8 oder 12 Jahren feiern? Lassen wir uns überraschen, der nächste Sommer nebst dazugehörigen Märchen kommt bestimmt. Was 2010 bleibt, ist die Paella mit Meeresfrüchten a la Paul...